Jutta Bergengruen, Badisches Tageblatt, 7.6.2008
Dreckig ohne populären Ton
Das Berliner modern art sextet macht es sich schwer, deswegen lieben wir es
so. Anders als bei vielen Ensembles für neue Musik wird man bei dieser
Gruppe nie mit jener Professionalität abgespeist, durch deren Zugriff
am Ende alles ähnlich klingt. Wenn das modern art sextet spielt, hat
man stets das Gefühl, der Individualität der Stücke auf der
Spur zu sein - Individualitäten, die noch kaum erschlossen sind. Kaum
einmal setzt das modern art sextet Werke jener zeitgenössischen Komponisten
aufs Programm, deren Namen schon geprägte Münze wäre. Statt
eine Uraufführung nach der anderen zu spielen, suchen sie nach dem, was
wiederzuhören sich lohnen könnte.
Am Donnerstag im Werner-Otto-Saal des Konzerthauses waren es vor allem zwei Stücke, die auffielen. Das erste war das "Sextett" von Stefan Keller, einem 1974 in Zürich geborenenKomponisten. Hier wird auf eine Art mit Gestalten - hier eine hurtige Girlande, dort ein kurzes zweistimmiges Fragment - und deren permanenter Variation gearbeitet, die fast anachronistisch wirkt. Man hat den Eindruck, hier werde direkt an Beethovens Große Fuge angeknüpft, nur dass bei Keller auch noch die letzten Reste einer auf Wiederholung gegründeten Architektur entfernt wurden. So artikuliert sich das Stück, wiewohl angebunden an sein Material, in großer Freiheit. Den Hörer "als Denkenden in die Musik hineinziehen", das hat sich Keller vorgenommen, und es ist ihm gelungen- es fragt sich nur, inwieweit dieses Denken zur Denksportaufgabe wird, was also, emphatisch gesprochen, die Erkenntnis dieses Denkens wäre. Und dies ist wiederum eine Frage an das Material selbst und seine Fähigkeit zur Erzeugung von Sinn im Luhmann'schen Verständnis des Wortes: Verharrt dieses Nach-Denken der Töne und ihrer Varianten im hermetischen Nachvollzug des Komponierten oder weist es über sich hinaus, ermöglicht es Anschluss an weitere Möglichkeiten des Erlebens?
Flankiert wurde Kellers Stück von zwei japanischen Stücken, Jo Kondos "An Elder's Hocket" und Toru Takemitsus "Rain Spell". Beide Stücke sind wesentlich empfindlicher dagegen, den Hörer unter ihre Oberfläche lauschen zu lassen, sie bilden nicht das Denken des Komponisten ab, sondern sind gleichsam rhythmisch (Kondo) und klanglich (Takemitsu) profilierte Objekte. Verdichtungs- und Lösungsmomente sind ihnen nicht fremd, aber diese Vorgänge sind viel weniger "entwickelt" als Phänomene der Oberflächenspannung. Das macht die Stücke auf der kompositorischen Seite "flacher" als Kellers Sextett, andererseits stellt ihre "Kunstlosigkeit" die Frage nach der Kunst viel dringlicher. Oder ist das nach 100 Jahren Avantgarde auch schon wieder ein alter Hut?
Mehr durch Länge und rhythmische Pointierung als durch Substanz unterhielten Nathan Curriers "30 kleine Bilder der vergehenden Zeit", die die Gast-Harfenistin Marie-Pierre Langlamet von den Berliner Philharmonikern in Auftrag gegeben hatte und mit dem Ensemble spielte.
Ungemein beeindruckend dagegen waren die "Suburban Chants" von Rainer Rubbert. Obwohl mit allen Wassern der Kunstmusik gewaschen, hat die Musik eine eigentümliche street credibility, sie ist cool, gleichsam "dreckig", ohne jemals in irgendeinen populären Ton zu fallen. Ausdruck entsteht hier durch die Umschreibung von Ausdruck, durch ihren negativen Abdruck. Diese Musik erzeugt einen Raum, in dem sehr unterschiedliches sich ereignen kann, vom schrägen Vogelruf, den die Klarinette in den Hallraum des Klaviers bläst, über strikt motivisch gefügte Partien bis hin zur düsteren Walzer-Anspielung, die schon wieder verfliegt, kaum dass man sie erkannt hat. So luftig das gefügt ist, so wundersam schlüssig ist es am Ende. Rubberts Musik steht skeptisch zwischen den gängigen Extremen des Konstruktiven und des Klanglich-Expressiven - und findet dort etwas in neuer Musik Seltenes: Spannung.
Peter Uehling
Berliner Zeitung, 24.11.2007
Jüdische
Tragik
(...) Die Musik beider Stücke machte einen starken Eindruck, besonders
im Instrumentalen. Die Bearbeitungen des Liederzyklus „Aus jüdischer
Volkspoesie“ von Dimitir Schostakowitsch (Jens Schubbe) und der Oper
„Rothschilds Geige von Benjamin Fleischmann (Gerhard Jünemann)
taten den Originalen wohl kaum Abbruch. Plastisch und opulent vom modern art
ensemble unter Vladimir Stoupel gespielt (...) wurde sie zum Gewinn des Abends.
Liesel
Markowski
Neues Deutschland, 7.9.2006
Leichtfüßige Nonchalance
Ein dickes Lob verdient das Konzerthaus für die Kontinuität und
vor allem für die Qualität, mit der hier die zeitgenössische
Musik gepflegt wird. Im Grunde ist es fast ein ganzjähriges Festival.
(...) Im dritten Konzert der Reihe „Passagen“ stellt das Modern
Art Sextet literarisch inspirierte Stücke vor. Aber nur die „Cinq
Chansons“ von Gérard Pesson (...) verwenden auch Text. Maacha
Deubner singt mit leichtfüßiger Nonchalance (...) Benjamin Schweitzers
Malbork I“ verarbeitet Ideen Italo Calvinos zu einer Orgie von sich
immer neu ausrichtenden Klangsplittern. Walter Zimmermann liefert mit scheinbar
reduziertem Material eine halsbrecherische Unisonostudie. Berthold Tuerckes
„Eclipse“ für Klaviertrio erkundet die Grauzone zwischen
Permutation und quirliger Gestik. Das modern art sextet hat eine Begabung
für gelungene Programmzusammenstellungen.
Ulrich
Pollmann
Tagesspiegel, 6.2.2005
Wenn
Regentropfen an dein Fenster klopfen
...Von Eislers Kammermusikstück „Vierzehn Arten, den Regen zu beschreiben“
wusste man seit langem, dass es irgendwie mit einer Filmmusik für Joris
Ivens Film „Regen“ zu tun hatte. Aber erst jüngst entdeckte
der Eisler Forscher Johannes C. Gall, dass die „Vierzehn Arten“
diese Filmmusik sind. Im Musikclub des Konzerthauses wurde nun am Freitag
die Probe aufs Exempel vorgeführt. Wir sahen zuerst „Regen“
in der ursprünglichen, stummen Fassung, dann in einer (leicht umgeschnittenen)
Version von 1932 mit der Musik des niederländischen Komponisten Lou Lichtveld,
und hierauf dieselbe Fassung mit Eislers Stück, beides live gespielt
vom Modern Art Sextet unter der Leitung von Jens Schubbe.
Die Ergebnisse waren verblüffend instruktiv. In der stummen Fassung wirkt
Ivens Film wie eine poetische, unruhig, fast videoclipartig rasch geschnittene
Montage. Lichtvelds Musik fügt dem wenig hinzu: In einem oft debussynahen
Idiom und einer kleinen, recht gewollt wirkenden Viertelton-Passage lieferte
sie eine stimmungsvoll-lyrische Untermalung. Dann aber kam Eisler –
und sofort zeigte sich ein ganz anderes reflexives Niveau des Komponierens
für den Film. Eislers Stück ist nicht nur in sich kohärenter
und strenger konstruiert, es verleiht auch – gerade deswegen! –
dem Film eine neue Dimension. (...) Eine DVD Aufnahme dieser – und anderer!
– Filmmusiken Eislers mit dem brillanten Modern Art Sextet wäre
dringend zu wünschen (...)
Wolfgang
Fuhrmann
Berliner Zeitung, 21.6.2004
Geigenton
und Menschenlaut
Wenn Neue Musik in so dichten und intensiven Interpretationen erklingt wie
vom modern art sextet, lösen sich alle Vorurteile von ihrer elfenbeinturmhaften
Unzugänglichkeit in Wohlgefallen auf. Im kleinen Konzerthaus-Saal fand
sie gespannte Aufmerksamkeit und lebhaften Beifall(...)
Dramaturgisch schlüssig, wie Charlotte Seither die Besetzung „Klaviertrio“
gegen den traditionellen Wohlklang der Gattung ausformt: stumpfe, gedrückte
Klänge des vielfach präparierten Klaviers provozieren heftige Ausbrüche
der ansonsten leise vor sich hin flüsternden und knisternden Streicher.
Auch in „Cimes murmurées“ für Streichtrio von Nguyen
Thien Dao sorgt Reduktion für Spannung. Mit unendlich zarten, immer wieder
neu differenzierten Glissandi, Tremoli und melodischen Andeutungen erzeugt
der von Olivier Messiaen in Paris ausgebildete Vietnamese das im Titel angedeutete
„Wipfelrauschen“. Entgegen solcher Poesie erfüllt Thierry
Blondeau das Konzertmotto „Linie und Klangfeld“ mit der kühlen,
rhythmisch ausgefeilten Konstruktion seines „Kreuz und Quer“,
führt Rebecca Saunders in ihrem „Duo für Violine und Klavier“
die Gravitationskraft eines einzelnen Tones zwischen hektischen Aktionen vor.
Das Ensemble-Auftragswerk „Gesänge der Unruhe“ von Sidney
Corbett wiederum versucht über solche Abstraktion hinaus zu gehen, indem
es nach zerrissen auffahrenden, dann wieder irisierend leuchtenden Klängen
mit der letzten süßen Violinkantilene behauptet: „Im Geigenton
ist Menschenlaut“.
Isabel
Herzfeld
Tagesspiegel, 17. Dezember 2003
Kreuzberger
Klarinettenrauschen
...Die besondere Qualität dieses Ensembles besteht darin, daß es
seine Virtuosität nicht nutzt, um massenhaft Musik auf die immer gleiche
Art aufzuführen, so daß alles ähnlich klingt, sondern um die
individuellen Triebkräfte des einzelnen Musikstücks zu erhellen.
So hält das modern art sextet die Techniken in „Albedo V“
von Helmut Zapf und „Arietta, hektischer Stillstand, Adagietto“
von Georg Katzer genauestens auseinander. Es lauscht bei Zapf den Verwandlungen
nach, die ein tonloses Klarinettenrauschen auf dem Weg in die Bassflöte
mitmacht, den Verdichtungen einer pizzicato-Schicht der Streicher bis zum
überraschenden und doch passgenau plazierten Höhepunkt des Stückes.
In Katzers Stück dagegen sind es die Übergänge von Klang in
Melos, denen die Musiker nachspüren. Durch das Melos kommt – verglichen
mit Zapf – eine komplizierende Schicht in die Musik, eine Horizontale,
die nicht nur Dauer eines Klanges ist, gleichsam eine abstrakte Zeitlinie,
sondern selbst Gestalt. Andererseits ist bei Katzer die Form durch die Dreisätzigkeit
einfacher zu erfassen als das labyrinthische Wechselspiel der verschiedenen
Schichten bei Zapf.
Man meint den Gedanken hören zu können, wenn das modern art sextet
spielt (...)
Peter
Uehling
Berliner Zeitung 9./10. November 2002
Unheimlich
- wie Musik in die Welt kommt
Ein schönes Konzert mit Musik von Hans Holliger
Es ist viel gelacht worden bei dem Konzert mit Musik von Hans Holliger, das
vom UltraSchall-Festival am Freitag in den Sophiensälen veranstaltet
worden ist. Nicht als Kunstübung ist Holligers „Alb-Cher –
Geischter- und Älplermusik for d’Oberwlliser Spillit“ vor
allem verstanden worden, sondern so, wie sie daherkommt, als Melodram vom
Hirt, vom Zuhirt, vom Senn, von Geistern und den Erscheinungen der Musik.
Die Musik, die in dieser Geschichte unheimlich in die Welt kommt, ist Walliser
Volksweisen nachkomponiert, erzählt wird aber mit den Mitteln der Moderne,
so gibt es wirklich viel zu hören. Das modern art ensemble, um Hackbrett
und Zither erweitert, der Männerchor und die Sprecherin Katrin Aebischer
führten sehr angeregt vor (...)
kgk
Berliner Zeitung 29. Januar 2001
Höher hinauf, tiefer hinab kann keiner
Das modern art ensemble ehrt Galina Ustvolskaja
...Galina Ustvolskaja, im Rahmen des UltraSchall-Festivals in den Sophiensälen
mit einem „Porträtkonzert“ bedacht, bevorzugt den schroffen
Kontrast, das instrumentale Duell auf weitintervalligem Raum. In ihrem Stück
„Dona nobis pacem“ hat sie der Tuba eine bedeutsame Rolle zugewiesen
und ihr eine Piccoloflöte gegenübergestellt: Höher nach oben
und tiefer nach unten geht es kaum. (...)
Den drei Mitgliedern des modern art ensemble – Michael Vogt (Tuba),
Klaus Schöpp (Piccoloflöte), Yoriko Ikeya (Klavier) – gelingt
am Sonntagabend eine fesselnde Interpretation, die dem ästhetischen Wollen
der Komponistin zu seiner vollen Einlösung verhilft. Die scheinbare Disparatheit
der Linien und Ausdrucksformen mündet durch eine äußerst konzentrierte
und nuancierte Darbietung in eine Kongruenz, die staunen macht: Es ist, als
ob drei eigentlich unvereinbare monadische Geister zueinander fänden,
und dies, ohne daß sich dem Hörer genau erschließen würde,
auf welchem Weg sie es tun. Dieser Weg führt über ein einfaches
Prinzip: das der atmenden oder vielmehr atemlosen, atemraubenden Spannung.
Vogt, Schöpp und Ikeya, darin liegt die hohe Kunst ihres präzise
aufeinander abgestimmten Musizierens, geben das Individuelle nur vor. Ihr
eindringlich vermitteltes Ziel ist die Verschmelzung der oberflächlichen
Unterschiede (...)
Jürgen
Otten
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 1.Februar 2000
Auf dem Weg zur Stille
Vielfältiger kann ein Programm neuer Kammermusik kaum sein. In seinem
Konzert in der Reihe „Unerhörte Musik“ führte das modern
art sextet weit zurück in die Musikgeschichte dieses Jahrhunderts (...)
Bestand hat die Geburt des Klangs aus dem Geräusch, wie sie Conrado del
Rosario in seinem „Gongfluß“ für Klaviertrio, Flöte
und Klarinette vornimmt. Aus unruhigen, quasi vorgestaltlichen Bewegungen
im Innern des Flügels und tastenden Stoppklängen der Bläser
entwickelt sich langsam ein konzentrierter klanglicher Verlauf, der wie in
einer Bogenform wieder zum Geräusch zurückkehrt. Dann befinden sich
jedoch im Gegensatz zum Beginn Klavier-Flageolett und Klappengeräusche
der Blasinstrumente in rhythmisch gestalteter Ordnung, und ein wunderbar zart
ersterbendes Violin-Flautando weiß sich mehr auf Seite der Musik denn
auf der der Natur.
Weniger klaren Formverläufen folgt das in diesem Jahr vollendete „In
Scherben“ der 35-jährigen Ulrike Geißler. Das modern art
sextet dissoziierte die spannungsvollen Einzelgesten des Beginns in feine
Unisono-Übergänge und verhalf dem kompositorisch überzeugenden
Werk zu einer klanglich fein ausgestalteten Aufführung. Auch das Streichtrio
„Alleanza d’archi“ der gleichaltrigen Charlotte Seither
sperrt sich mit der spannungsvoll gesetzten wie gespielten Opposition von
geräuschhaften Kinnstreichern und in Liegetönen verharrendem Cello
gegen vorschnelle stilistische Einordnungen. (...)
Volker
Straebel
Tagesspiegel, 16. Dezember 1999